Es gibt Ideen, die klingen auf dem Papier großartig. Arbeiten bis 75 gehört dazu. Auf dem Papier. In Excel. In PowerPoint. Am besten präsentiert von jemandem, der den Unterschied zwischen Bandscheibenvorfall und Bandscheiben-Playlist nicht kennt.
In der Realität sieht das Ganze allerdings etwas… knirschiger aus.
1. Der Körper macht ab 50 langsam Betriebsferien
Mit 30 springt man aus dem Bett.
Mit 50 steht man auf und hört erstmal nach, welches Gelenk heute spricht.
Mit 75 soll man dann acht Stunden produktiv sein?
Realistisch ist eher:
- 2 Stunden Aufwärmphase
- 1 Stunde „Wo ist meine Brille?“
- 3 Stunden orthopädische Improvisation
- 2 Stunden Erholung vom Aufstehen
Das ist kein Arbeitsalltag – das ist ein Reha-Experiment.
2. Technik entwickelt sich schneller als die Knie
Während sich Software alle sechs Monate neu erfindet, braucht der menschliche Körper ab 60 ein Update mit Beipackzettel.
„Können Sie bitte kurz das Passwort zurücksetzen?“
– „Gerne, wo finde ich das Internet?“
Nicht aus Dummheit.
Sondern weil niemand mit 75 noch Lust hat, 12-stellige Passwörter inklusive Sonderzeichen, Seelentier und Lieblingsplanet auswendig zu lernen.
3. Motivation ist kein nachfüllbarer Rohstoff
Mit 20 arbeitet man für Erfahrung.
Mit 40 für Sicherheit.
Mit 60 für Ruhe.
Mit 75 arbeitet man höchstens noch für den Sinn des Lebens, und der liegt erfahrungsgemäß nicht in Quartalszahlen oder Team-Meetings mit dem Titel „Synergie-Update Q3“.
Wer glaubt, ein Mensch sei mit 75 noch intrinsisch motiviert, KPI-Tabellen zu optimieren, hat noch nie erlebt, wie glücklich Senioren werden, wenn sie einfach in Ruhe Kaffee trinken dürfen.
4. Konzentration ist endlich – Geduld auch
Mit zunehmendem Alter steigt die Lebenserfahrung.
Leider sinkt parallel die Bereitschaft, sich Bullshit anzuhören.
Mit 75 bedeutet ein Meeting nicht mehr „Austausch“, sondern:
„Wenn das nicht in fünf Minuten vorbei ist, kündige ich innerlich.“
Und innerliche Kündigungen sind in dieser Altersgruppe extrem effizient.
5. Arbeiten bis 75 ignoriert die wichtigste Ressource: Lebenszeit
Der größte Denkfehler ist nicht körperlich – sondern philosophisch.
Wenn Menschen bis 75 arbeiten sollen, dann bleibt für das eigentliche Leben:
- genau dann wenig Zeit,
- wenn man endlich wüsste, wie man sie genießt.
Das ist, als würde man sagen:
„Du darfst den Film erst verlassen, wenn der Abspann vorbei ist – auch wenn der spannendste Teil längst lief.“
Fazit:
Arbeiten bis 75 ist keine Arbeitsmarktmaßnahme – es ist ein Gedankenspiel ohne Rücksicht auf Realität, Körper und Würde.
Menschen sind keine Maschinen.
Und selbst Maschinen bekommen irgendwann:
- Wartung
- Ersatzteile
- oder wohlverdiente Abschaltung
Aber beim Menschen nennt man das plötzlich „unrealistisch“.
Vielleicht sollten wir aufhören zu fragen, wie lange Menschen arbeiten können
und anfangen zu fragen, wie gut sie leben dürfen.